ARBEITSGEMEINSCHAFT PÄDIATRISCHE IMMUNOLOGIE

PÄDIATRISCHE IMMUNOLOGIE (API) e.V.

Informationen zu SARS-CoV2 und COVID-19

Stand der Informationen: 07.05.2020


Es handelt sich bei der COVID-19-Pandemie um ein sehr dynamisches Geschehen. Empfehlungen und Anweisungen des Robert-Koch-Instituts und der Behörden können sich kurzfristig ändern und können über die hier getätigten Empfehlungen hinausgehen oder diese ersetzen.

Die hier zusammengefassten Empfehlungen werden von Immunologen der API aus großen Immundefektzentren (Berlin, München, Freiburg, Ulm, Wien, Zürich*) verfasst und regelmäßig aktualisiert. Da bislang keine belastbaren Daten zu dem Thema aus klinischen Studien vorliegen, handelt es sich um eine Expertenmeinung auf Grundlage aktuell verfügbarer Informationen.


Wie schätzt die Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Immunologie (API) die Situation für Patienten mit angeborenen Immundefekten ein?

Patienten mit angeborenen Immundefekten sind im Hinblick auf die SARS-CoV2-Pandemie grundsätzlich Risikopatienten. Durch das weniger gut reagierende Immunsystem können diese Patienten nach einer Infektion schwerer erkranken und möglicherweise länger infektiös bleiben. Die empfohlenen besonderen Schutzmaßnahmen für Risikopatienten sind vom RKI HIER zusammengefasst. 

Auch im Hinblick auf die zunehmend diskutierten Lockerungsmaßnahmen der Kontaktbeschränkungen ist eine differenzierte Betrachtung der Patienten mit angeborenen Immundefekten sinnvoll. Die pauschale Klassifikation aller Immundefektpatienten als Risikopatienten wird den bisher beobachteten Infektionsverläufen nicht gerecht. Unsere Einschätzung zur Orientierung für Patienten und ihre behandelnden Ärzte entsteht aus dem Bemühen, für Schulbesuch und Wiederaufnahme der Arbeit Risiken zu benennen, aber Patienten auch nicht unnötig einzuschränken. Die Einschätzung wird regelmäßig auf der Basis der Diskussion aktueller Fallberichte zu Infektionsverläufen bei Immundefektpatienten, über die wir über unsere internationalen Kontakte verfügen, angepasst. Diese Experten-Einschätzung ist keine rechtlich bindende Vorgabe.

Wir schlagen vor, dass durch die behandelnden Immundefektspezialisten eine Einordnung vorgenommen wird:

1. Patienten mit Immundefekt in stabiler Therapiesituation ohne schwere Lungen- oder Herzerkrankung, ohne Diabetes, einem BMI < 30 und Alter unter 60 Jahre.

2. Patienten mit Immundefekt, bei denen trotz Therapie ein erhöhtes Risiko vorliegt durch Virusinfektionen schwer zu erkranken und/oder mit schwerer Lungen- oder Herzerkrankung, Diabetes, BMI > 30 oder Alter über 60 Jahre. Beispiele hierfür können sein:

   - schwere pulmonale Virusinfektionen in der Vorgeschichte

   - chronische Lungenveränderungen, chronischer Husten, eingeschränkte Belastbarkeit

Es gibt weiterhin keine ausreichenden Daten, um zu bewerten, ob Patienten mit angeborenen Immundefekten ein erhöhtes Risiko für schwerere SARS-CoV2-Verläufe haben. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich der Verlauf einer Infektion mit SARS-CoV2 bei der ersten (und größten) Patientengruppe (oben unter 1. geführt) NICHT von dem bei Patienten ohne Immundefekt unterscheidet. Das schließt ein, dass auch bei diesen Patienten schwere Verläufe beobachtet wurden, bisher allerdings nicht häufiger als bei Patienten ohne Vorerkrankungen, bei denen diese schweren Verläufe auch auftreten. Für diese Patientengruppe kann daher im Rahmen der Lockerungsmaßnahmen den allgemeinen Empfehlungen gefolgt werden.  

Für die zweite Patientengruppe (oben unter 2. geführt) ist das Risiko für eine schwere SARS-CoV2-Infektion wahrscheinlich höher. Auch ist davon auszugehen, dass bei manchen dieser Patienten auch bei mildem Verlauf die Virusausscheidung verlängert ist. Für diese Patientengruppe sind daher strengere Maßnahmen empfohlen und es sollte im Rahmen der Lockerungsmaßnahmen den Empfehlungen für Risikogruppen gefolgt werden. 

Für viele Patienten wird eine Zuordnung in die beiden Risikogruppen aufgrund der aktuellen Daten nicht eindeutig möglich sein, so dass im Zweifelsfall die individuelle Situation (Immundefekt, Lebenssituation, Wohnort etc.) mit dem Hausarzt und ggf. mit den behandelnden Immundefektspezialisten abgesprochen werden sollte.

 

Welche vorläufigen Empfehlungen gibt es für Familien mit Kindern mit angeborenen Immundefekten, wenn KITAs und Schulen wieder geöffnet sind?

Basierend auf der oben genannten Unterscheidung in 2 Gruppen gelten für Kinder aus der Patientengruppe 1 die allgemeinen Vorgaben und bei entsprechenden regionalen Vorgaben kann ein Schul-/Tagesstättenbesuch erfolgen.

Für Kinder aus der Patientengruppe 2 gelten die Vorgaben für Risikogruppen und eine Befreiung vom Schulbesuch kann durch den behandelnden Arzt indiziert werden. Dies umfasst ggf. auch die Befreiung einer notwendigen Betreuungsperson von der Arbeit. 

Eltern oder Großeltern der Gruppe 2 sollten sich bis auf weiteres von Kindern, die zur Schule oder in den Kindergarten gehen, fernhalten (mind. 2 m Abstand oder FFP2-Maske).

Wichtige allgemeine Schutzmaßnahmen für Patienten der Gruppe 2 sind:

  • regelmäßiges Händewaschen oder Händedesinfektion
  • Zimmer regelmäßig lüften
  • Beschränkung der sozialen Kontakte, Abstand von 1,5 - 2 m einhalten
  • Vermeidung unnötiger Expositionssituationen (z.B. beim Einkaufen Familien- und Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen, Homeoffice wo möglich und sinnvoll)
  •  Bei Kontakt zu Personen außerhalb der Familie sollten Patient und Kontaktpersonen Maske tragen
  • Umgang mit COVID-19-Erkrankten im Haushalt festlegen (z.B. Schlafen und Aufenthalt in getrennten Zimmern, Mahlzeiten getrennt einnehmen, räumliche Trennung von Geschwisterkindern)

Erwachsene der Gruppe 2, die beruflich einem engen Kontakt mit vielen Menschen ausgesetzt sind (z.B. Krankenhäuser, Schulen, KiTas, Kindergärten, Arztpraxen, u.v.a.m.), sollten dringen die Option zur Umsetzung der o.g. Schutzmaßnahmen am Arbeitsort prüfen, dies mit dem Arbeitgeber absprechen und entsprechend einrichten. Bei fehlender Option sind alternative Optionen zu eruieren (verlängertes Homeoffice, anderer Arbeitsplatz, Freistellung, etc.)


Sollte die Immunglobulin-Dosis oder die Begleitmedikation geändert werden?

Intravenöse oder subkutane Immunglobulingabe schützt Patienten mit Antikörpermangel vor vielen Infektionen, insbesondere auch vor Atemwegsinfektionen, und sollte auf jeden Fall weiter durchgeführt werden. Falls die Immunglobulindosis bisher nicht ausreichend war, sollte sie grundsätzlich angepasst werden. Die Immunglobulingabe schützt aber nicht vor Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV2. Eine Erhöhung der Immunglobulindosis nur zu diesem Zweck hat keinen schützenden Effekt und ist nicht indiziert.


Sollten antientzündliche oder immunsuppressive Medikamente vermieden werden?

Es gibt bisher keine klaren Daten dazu, ob die angewandten therapeutischen Dosen dieser Medikamente den Krankheitsverlauf von COVID-19 beeinflussen. Daher gilt: Immunsuppressive Medikamente sollten nicht prophylaktisch vermindert oder gar abgesetzt werden.

Bei Virusnachweis ohne klinische Zeichen einer Infektion können kurzwirksame (täglich verabreichte) immunsuppressive Therapien fortgesetzt werden. Das Vorgehen bezüglich länger wirksamer Medikamente sollte mit den behandelnden Immunologen abgestimmt werden.

Bei Virusnachweis und Auftreten klinischer Symptome sollte eine Anpassung oder Unterbrechung der immunsuppressiven Therapie mit den behandelnden Immunologen besprochen werden. Bei Patienten mit schweren, intensivtherapiepflichtigem Krankheitsbild sollte auch bei vorliegen eines Immundefekts der mögliche Einsatz immunsuppressiver Therapie mit den behandelnden Immunologen abgestimmt werden.


Sollten Arztbesuche wahrgenommen werden?

Die regelmäßige ärztliche Überwachung ist ein wesentliches Element der Therapie von Patienten mit angeborenen Immundefekten. Hierzu gehört sowohl die haus-/kinderärztliche Vorstellung als auch die Vorstellung beim Spezialisten. Informieren Sie sich über das Vorgehen in Ihren Praxen/Ambulanzen und nehmen Sie vereinbarte Termine nach Möglichkeit wahr. Viele Ärzte bieten auch telefonische oder Videosprechstunden an. 


Was ist, wenn ich die Infektion mit SARS-CoV2 selbst durchgemacht habe?

Es bestehen erste Hinweise, dass manche Patienten mit Immundefekten länger das Virus ausscheiden als immunkompetente Personen. Es ist deswegen denkbar, dass Patienten mit Immundefekt länger infektiös sind, als die vorgegebene zweiwöchige Quarantäne. Dies kann auch bei klinischem Wohlbefinden der Fall sein. Aus diesem Grund sollte bei Patienten mit Immundefekt ein Kontrollabstrich nach 2 Wochen und ggf. wöchentlich im Anschluss durchgeführt werden, bis dieser 2x negativ ist. Personen mit Virusnachweis im Rachenabstrich gelten als potentiell infektiös und müssen die vom RKI empfohlenen Maßnahmen der Quarantäne weiter einhalten. Bei Arztbesuchen ist eine Maske zu tragen, die verhindert, dass das Virus unbehindert ausgeatmet wird. Hier sind normale Mund-Nase-Masken ausreichen (auf keinen Fall sog. FFP2- oder FFP3-Masken mit Ausatemventil).

Ob und wie lange eine durchgemachte Infektion vor einer erneuten Infektion schützt, ist derzeit unklar. Das gilt insbesondere für Patienten mit Immundefekten, so dass diese auch nach einer überstandenen Infektion weiter die empfohlenen Schutzmaßnahmen einhalten sollten.


Welche weiteren speziellen Informationsquellen gibt es für Patienten mit Immundefekten?

Die internationale Patientenorganisation für Immundefekte IPOPI hat wichtige Informationen zu häufigen Fragen HIER zusammengestellt (auf Englisch).


Wie kann ich selbst helfen, dass Informationen zu SARS-CoV2/COVID-19 bei Immundefektpatienten zuverlässiger werden?

Sollte bei Ihnen eine Infektion mit SARS-CoV2 nachgewiesen werden (mit oder ohne Symptome), informieren Sie bitte Ihre*n behandelnde*n Immundefektspezialist*in über die Infektion und bitten Sie sie/ihn, diese Infektion in einem europäischen Patientenregister zu melden (COPID19): 

https://dsp.institutimagine.org/copid/connexion.php?login=nmahlaoui&script_appel=/copid/index.ph


*Autoren: Prof. Dr. Michael Albert, Prof. Dr. Horst von Bernuth, Prof. Dr. Kaan Boztug, Prof. Dr. Stephan Ehl, Prof. Dr. Bodo Grimbacher, PD Dr. Dr. Fabian Hauck, Prof. Dr. Philipp Henneke, Prof. Dr. Janine Reichenbach, Prof. Dr. Ansgar Schulz, Dr. Volker Umlauf, Prof. Dr. Klaus Warnatz